Homeschooling an der Praxismittelschule der PH Wien

1. April 2020

Klasse 3A und Mehrstufenklasse 1

Von Susanna Jilka und Erich Schönbächler

Auch wir an der Praxismittelschule der PH Wien wurden wie alle anderen Schulen auch von den COVID19-Maßnahmen überrumpelt. Wir haben versucht bestmöglich didaktisch und pädagogisch darauf zu reagieren. Ziel war es, Schüler*innen und auch Eltern einen möglichst angenehmen “Heimunterricht” und eine gewisse Auflösung des social distancing  zu ermöglichen. Im folgenden unser Konzept für die Klassen 3A und MA, work in progress der ersten beiden Wochen..

Didaktisches Setting: 

Das Setting setzt sich aus fünf Bausteinen zusammen:

Das Setting ist wie folgt aufgebaut. Jeder Tag startet mit einem Meeting aller Schüler*innen und Lehrer*innen in einem geschützten Zoom Raum. Zoom ist ein sehr niederschwelliges Konferenztool, das sich auch für Schulen eignet. Nach einer allgemeinen Begrüßung durch die Klassenlehrperson werden alle Fächer und Aufgaben besprochen. 

Ablauf eines Zoom Meetings: 

3´ Begrüßung durch die Klassenlehrperson 

10-15´ Besprechung Deutsch 

10-15´ Besprechung Mathematik 

10-15´ Besprechung Englisch 

10-15´ Besprechung Kreatives 

10-15´ Allgemeines 

Open End Kommunikation unter den Schüler*innen 

Nach der Besprechung im Zoom-Raum erhalten die Schüler*innen von den Lehrer*innen kurze und klare Aufgabenstellungen mit Verlinkung zu einem Lernvideo. Die Videos werden von uns mit dem Tool ExplainEverythingEDU aufgezeichnet, kurz überarbeitet und nicht gelistetet auf YouTube hochgeladen. ExplainEverythingEDU ist ein Interactive Whiteboard Tool um Lehr- und Lernvideos zu erstellen. Es läuft über App oder browserbasiert. Das Interaktive Whiteboard zeichnet dabei alle Bewegungen oder Schritte und auch die sprachliche Begleitung, welche die Benutzer*in macht, auf.

Weiters verfügen die Lernenden über Schulbücher. Was uns in dieser Situation in die Hände spielt und die Arbeit enorm erleichtert, ist, dass der Bildungs-Verlag Lemberger seine Schulbücher ansprechend, praxisnah und anwender*innenfreundlich und vor allem digital aufbereitet hat, sodass wir diese in der Fernlehre nahezu wie im Unterricht im Klassenzimmer einsetzen können. 

Nachdem die Schüler*innen die Aufgaben zu Hause eigenständig bearbeitet haben, senden sie uns ein Foto der Lösungen, welche sie auf Beiblätter oder in ihr Heft geschrieben haben, zurück. Sobald die Schüler*Innen ihre Lösungen bei einer Lehrperson eingereicht haben, erhalten sie von uns die Lösungen zugeschickt und können so, in Selbstkontrolle, ihre gemachten Aufgaben überprüfen. Natürlich schauen die Lehrer*innen die Aufgaben der Schüler*innen an und weisen sie individuell auf sich wiederholende Fehler hin. Die Schüler*innen haben weiters den Auftrag Unklarheiten oder Probleme, auf welche sie beim Lösen der Aufgaben gestoßen sind, zu notieren.

Tags darauf wird im Zoom Meeting in den 10-15 Minuten der entsprechenden Fächer auf die von den Schüler*innen notierten Fragen eingegangen. Über die Funktion Bildschirmteilen in Zoom werden den Schüler*innen die Aufgaben und Aufträge, welche sie nicht verstanden haben, wiederum über die browserbasierte Variante von ExplainEverythingEDU direkt und live durch die Lehrer*innen erklärt. Über die Gruppen Meetings hinaus gibt es auch Einzelcoaching per Zoom, um individuelle Fragen der Schüler*innen zu klären.

Schematische Darstellung eines Tages- resp. Wochenablaufs: 

Montag: 

Lehrer*innen 

Schüler*innen 

 

Besprechung der Woche 

Teilnahme am Zoom Meeting 

 

Austeilen der Videos und der Aufgaben für Montag 

 

 

Vorbereiten weiterer Videos und Unterlagen, Kontaktaufnahme mit einzelnen Schüler*innen, Bearbeiten von Mails und Fragen 

Arbeiten an den Videos und Aufgaben 

 

Einforderung der Aufgaben für Montag 

Abgabe der Unterlagen 

 

Coaching Stunde  

individuelle Betreuung der Schüler*innen 

Individuelle Rückfragemöglichkeit  

 

Feedback an die Schüler*Innen 

Aussenden der Lösungen 

Selbstkontrolle und notieren der Fragen für den nächsten Tag 

Dienstag: 

Besprechung des Montags wie oben beschrieben 

Teilnahme am Zoom Meeting 

Mittwoch: 

.…. 

 

Freitag: 

Reflexion über die vergangene Woche und Ausblick auf die kommende Woche 

Teilnahme am Zoom Meeting 

Warum: 

Uns Lehrer*innen ist es ein Anliegen, dass wir möglichst nahe an den Schüler*innen bleiben, um ihnen ein Gefühl der Normalität zu vermitteln und vor allem keine Schülerin und keinen Schüler in dieser schwierigen Zeit zu „verlieren“. Wir erhoffen uns dadurch auch die Eltern zu entlasten, um ihnen eine Stütze zu sein, welche die Schule in dieser Situation noch immer bieten soll und auch kann. Der strukturierte Wochen- und Tagesablauf lässt es weniger zu, dass uns Schüler*innen ganz entgleiten. Nicht die Kontrolle steht dabei im Vordergrund, sondern mit den Kindern einen möglichst normalen Alltag zu schaffen, in welchem sie sich wohl fühlen und etwas lernen. Die Schüler*innen holen sich über die Zoom Meetings ein Stück Normalität des Klassenzimmers zu sich nach Hause. Wir sehen die Videokonferenz als Klassenzimmersituation und die Einreichung und Austeilung der Aufgaben durch E-Mail als eine Art “Vier-Augen Gespräch” zwischen Lehrer*in und Schüler*in. 

Ziele: 

  • Qualitativ gute Aufgabenstellungen 
  • Einfache und verständliche Erklärungen 
  • Vermittlung von Nähe durch die Lehrer*innen 
  • Adäquate und stetige Feedbackkultur 

Unsere Qualitätskriterien: 

Weniger ist Mehr – Keep it short and simple 

In der momentanen Situation halten wir es für noch notwendiger die Unterrichtsinhalte auf das Wesentliche zu beschränken, anstatt die Schüler*innen mit unübersichtlichen Informationen auf unterschiedlichen Kanälen zu überfluten. 

Qualität statt Perfektion 

Über die Qualität unserer Videos lässt sich sicherlich streiten. Einer unserer Qualitätsaspekte ist es möglichst authentisch aufzuzeichnen. So sind zum Beispiel auch teilweise spielende Kinder oder ein Kanarienvogel zu hören. Aber genau dies vermittelt den Schüler*innen, dass wir Lehrpersonen in einer ähnlichen Situation wie sie stecken. Wir Lehrer*innen freuen uns jedenfalls über “Sprüche” der Schüler*innen, “Ah Herr Schönbächler, gell bei Minute 3:50 im zweiten Video hört man ihr Kind im Hintergrund singen”. Genau diese Dinge fehlen den Schüler*innen momentan. Aus den Unterrichts- oder Lernsetting auszusteigen und mit uns Lehrpersonen über Gott und die Welt zu plaudern, scheint uns so wichtig für die Beziehungspflege. Den Lernvideos geben persönliche Färbungen einen charmanten und auch lebensechten Aspekt, als würden wir im Klassenzimmer unterrichten und gemeinsam lachen. 

Kontinuierliches Feedback 

Die Schüler*innen erhalten von den Lehrpersonen stetiges Feedback zu ihren gemachten Aufgaben in Deutsch, Englisch, Mathematik und in den kreativen und sportlichen Fächern. Es ist uns wichtig, dass wir das für alle Schüler*innen gewährleisten können, sodass sie sich in ihrer Arbeit und ihrem kreativen Tun, wertgeschätzt fühlen. Entscheidend ist hier das Feedback in einer Form zu geben, die beim jeweiligen Kind auch ankommen kann, z.B. ist das sprachliche Niveau eines Kindes ausschlaggeben dafür, wie ein Feedback zu formulieren ist.

Vorzeigen und Nachmachen 

Durch die Videoerklärungen und beispielsweise die Aufforderung an die Schüler*innen an einer Stelle das Video zu stoppen, um eine bestimmte Aufgabe zu lösen, werden sie entlang der Erklärung Schritt für Schritt durch die Aufträge und Aufgabenstellungen geführt. Lernvideos können auch teilweise oder zur Gänze immer wieder und wieder angeschaut zu werden. So steht den Lernenden knowledge on demand zur Verfügung, das sie sich selbst gesteuert bei Bedarf holen können.

Enge Verschränkung der Bausteine

Im jeweiligen Lernvideo werden die relevanten Ansichten aus dem Schulbuch verwendet, um zu erklären und um zu den Arbeitsaufträgen aus dem Buch hinzuführen. Im Zoom Meeting werden per Screensharing wieder genau mithilfe dieser Ansichten Arbeitsaufträge und Fragen geklärt.

Fazit

In den mittlerweile fast zwei Wochen, in denen wir das nun so handhaben, ist es noch nie vorgekommen, dass ein Meeting länger als 45 Minuten gedauert hat. Es ist für uns als Lehrer*innen ein angenehmes, nahes Zusammenarbeiten mit den Schüler*innen und es ist uns so möglich an die zu den Kindern aufgebaute Beziehung anzuknüpfen, was wiederum für Motivation und Lernen essentiell ist. Die Rückmeldungen der Schüler*innen sind durchwegs positiv und manchmal haben wir auch den Eindruck, dass sie sich wünschen, noch länger mit uns in Kontakt zu bleiben. Im Anschluss an die Zoom Konferenz werden die Erklärvideos für den entsprechenden Tag ausgesandt mit der Bitte die Aufgaben bis zu einem gewissen Zeitpunkt zurück zu schicken. Was das betrifft, sind wir wirklich begeistert von unseren Schüler*innen, da es die Mehrheit schafft, diesen doch stark strukturierten und digitalen Weg des Unterrichtens mit uns Lehrer*innen zu gehen. Und genau da denken wir liegt die Stärke unseres Ansatzes. Zum einen ist es das stetige in Kontakt Bleiben und das nahe und kontinuierliche Präsenz Zeigen, sodass klar ist, dass wir als Lehrpersonen Interesse an ihrer Person und an ihren Leistungen haben, dass wir hinter ihnen stehen und sie uns Fragen stellen können. Zum anderen ist es die Struktur und das Rhythmisieren der Tagesabläufe, deren Vorgabe von Seiten der Lehrer*innen uns wichtig erscheint.

Für uns Lehrer*Innen der 3A und der MA funktioniert dieses Konzept, wie wir es hier vorgestellt haben, sehr gut. Es ist work in progress und wir entwickeln es entsprechend den aktuellen Anforderungen weiter und hoffen, dass wir damit Kolleg*Innen inspirieren können. Die aktuelle Erfahrung zeigt uns, dass digitaler Unterricht, wenn er strukturiert, didaktisch und pädagogisch durchdacht und reflektiert gestaltet wird, eine Bereicherung für Schüler*Innen, Pädagog*Innen und Bildungseinrichtungen sein kann. 

Arbeitsaufträge für Schüler*innen

Lernvideo

Zum Schulbuch

4 Antworten zu “Homeschooling an der Praxismittelschule der PH Wien”

  1. Das nenne ich einen didaktisch toll aufbereiteten online Unterricht. Er ermöglicht nicht nur Lerninhalte zu wiederholen sondern auch neuen Lernstoff qualitativ zu vermitteln und gemeinsame Lernprozesse zu ermöglichen. Danke für die Einblicke in eure tolle Arbeit!

Schreibe einen Kommentar zu Lernen in der Krise #3weeks2learn - Bildungspunks Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen