Zwischen Digitalisierungs-Vorreiter und analoger Kurskorrektur: Unsere Erkenntnisse aus Skandinavien

30. April 2026

Vom 20. bis 24. April 2026 hatten wir die großartige Gelegenheit, für die Pädagogische Hochschule Wien an der „Zukunftsreise Spannungsfeld Digitale Bildung 04/2026“ teilzunehmen. Organisiert wurde diese hochkarätige Delegationsreise von Advantage Austria Nordics im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft, Energie und Tourismus sowie der Wirtschaftskammer Österreich (in Kooperation mit EdTech Austria).

In diesen vier intensiv getakteten Tagen in Stockholm und Oslo erhielten wir tiefe Einblicke in bildungspolitische Entwicklungen, trafen Forschende und tauschten uns mit führenden EdTech-Anbietern aus. Was wir mitgenommen haben, ist die Erkenntnis, dass die nordischen Länder – traditionell Vorreiter im European Innovation Scoreboard – aktuell höchst unterschiedliche, aber enorm spannende strategische Wege im Spannungsfeld der digitalen Bildung beschreiten.

Station 1: Schweden – Die „Zurück zum Buch“-Bewegung

Unsere Reise startete am 20. April in Stockholm. Bereits beim Briefing durch die stellvertretende Schulleiterin Stefanie Primetzhofer und Gustav Blix (Svenskt Näringsliv) wurde deutlich, dass Schweden vor großen bildungspolitischen Diskussionen rund um Migration, soziale Unterschiede und eine drohende „Lesekrise“ steht. Schweden zieht aktuell stark die Bremse bei der unreflektierten Digitalisierung und vollzieht eine systematische Rückbesinnung auf analoge Grundfertigkeiten:

  • Die schwedische Regierung plant, ab 2028 die obligatorische Vorschulklasse abzuschaffen, sodass Kinder mit sechs Jahren direkt in die Grundschule eintreten.
  • Ziel dieser Reform ist eine stärkere Förderung von Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen.
  • Kinder unter zehn Jahren sollen vom digitalen Unterricht weitgehend ausgeschlossen werden.
  • Schulen werden sogar gesetzlich verpflichtet, wieder Bibliotheken mit gedruckten Büchern einzurichten.

Analytisch betrachtet reagiert Schweden damit auf wachsende wissenschaftliche und gesellschaftliche Kritik. Beim Besuch des Bildungsausschusses des schwedischen Parlaments (Utbildningsutskottet) am 21. April vertraten Joar Forssell und Anders Ygeman eine sehr kritische Haltung gegenüber digitalen Geräten im Klassenzimmer. Sie argumentierten, dass die umfassende Digitalisierung seit den 1990er-Jahren nicht die erhofften Lernerfolge gebracht habe. Stattdessen würden digitale Geräte oft zu Ablenkung, verringerter Konzentration und sinkenden Lesekompetenzen führen.

Wie Jens Mattern und Carl Hamilton von ILT Education später treffend zusammenfassten, kann eine frühe und intensive Mediennutzung negative Effekte auf die Sprachentwicklung, die Aufmerksamkeit und sogar die motorischen Fähigkeiten haben. Hamilton formulierte in diesem Kontext einen Satz, der uns besonders im Gedächtnis blieb: „Schule ist ein Kompromiss zwischen Lernen und Skalierung.“

Station 2: Sinnvolle EdTech-Innovationen und Künstliche Intelligenz

Trotz der kritischen Töne ist Technologie in Schweden keineswegs tabu – sie wird nur gezielter und evidenzbasierter eingesetzt. Technologie darf kein Selbstzweck sein, sondern muss einen klaren didaktischen Mehrwert bieten. Beim Treffen mit der Königlich Technischen Hochschule (KTH) betonte Mattias Wiggberg, dass KI-Expert*innen zwingend Fachwissen mit KI-Kenntnissen kombinieren müssen. Er plädierte für lebenslanges Lernen durch Micro-Credentials und forderte, dass sich Bildungseinrichtungen strukturell auf KI-Entwicklungen vorbereiten.

Ein herausragendes Praxisbeispiel erlebten wir bei Lexplore: Dieses schwedische EdTech-Unternehmen nutzt KI und Eye-Tracking-Technologie, um die Lesefähigkeit von Schüler:innen objektiv und schnell zu bewerten. Basierend auf über 30 Jahren Forschung am Karolinska Institutet ermöglicht dies eine gezielte Leseförderung.

Auch Schulbuchverlage wie Liber reagieren auf den Markt. Wir konnten feststellen, dass der Trend weg von rein digitalen Lernformaten hin zu hochwertigen Blended-Learning-Ansätzen geht, bei denen Lehrkräfte bewusst zwischen analogen und digitalen Materialien wählen können.

Station 3: Norwegen – Systemische Integration und Inklusion

Am 22. April reisten wir weiter nach Oslo, wo sich uns ein kontrastierendes Bild bot. Norwegen verfolgt seit 2015 eine umfassende Digitalisierungsstrategie. Das Land integriert digitale Fähigkeiten fest in alle Fächer und Lehrpläne. Die technologische Ausstattung ist beeindruckend: 93 % der Grundschulen und 96 % der Sekundarschulen gelten als „hoch digital ausgestattet“. Norwegen legt dabei Prioritäten auf Gerechtigkeit, Barrierefreiheit und inklusive Bildung.

Peter N. Aashamar vom Norwegischen Direktorat für Bildung und Ausbildung (Utdanningsdirektoratet) betonte in seinem Vortrag den norwegischen Ansatz, der ein Gleichgewicht zwischen Digitalem und Analogem sucht, aber gezielt digitale Werkzeuge zur Integration von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf nutzt.

Soziale Inklusion im Fokus

Ein emotionaler Höhepunkt der Reise war der Besuch bei No Isolation am 23. April. Das Unternehmen präsentierte den Avatar AV1, der es chronisch kranken oder sozial isolierten Schüler*innen ermöglicht, virtuell am Unterricht teilzunehmen und Ausgrenzung zu verhindern.  Die Gründerin Karen Dolva entwickelte die Technologie in Zusammenarbeit mit der St. Olav Hospital School gezielt für Langzeitabwesende.
Einziger Nachteil: Der Preis für einen Roboter und eine Jahreslizenz ist verhältnismäßig hoch, es müsste also für eine möglichst hohe Auslastung der Technologie gesorgt werden (zum Beispiel im Verbund von mehreren Schulen).

Plattform-Ökosysteme

Den Abschluss unserer analytischen Betrachtungen in Norwegen bildeten Besuche bei Kahoot! und dem Verlag Gyldendal. Bei Kahoot! stand das aktive Engagement der Lernenden im Vordergrund. Auch hier hält KI Einzug, etwa bei der automatisierten Erstellung von Quizfragen aus Präsentationsfolien – verfügbar allerdings nur in den Premium-Versionen. Bei Gyldendal wurde diskutiert, wie sich klassische Bildungsmedien in digitale Lern-Ökosysteme (wie „Skolestudio“) verwandeln. Wichtig war den Expert*innen dabei, dass bei der Nutzung generativer KI – etwa ChatGPT durch Schüler*innen – die menschliche Aufsicht und eine strukturierte, angeleitete Nutzung durch Lehrkräfte zentral für den Lernerfolg bleiben.

Praktisch abgerundet wurde dieser Eindruck durch den Besuch der Kuben videregående skole am 24. April, wo Rektor Kjell Ove Hauge zeigte, wie das pädagogische Konzept der Schule stark auf Orientierungsphasen und „zweite Chancen“ für Jugendliche setzt.

Unser Resümee für die PH Wien

Die Zukunftsreise 04/2026 hat uns eindrücklich vor Augen geführt, dass die Dichotomie „Digital vs. Analog“ ausgedient hat. Der Weg der Zukunft liegt ganz klar im „Blended Learning“ – einer qualitätsorientierten Mischung aus digitalen Werkzeugen und klassischen Printmedien. Für viele Expert*innen ist dies aber ohnehin nichts Neues – vielleicht mit dem Unterschied, noch stärker auf evidenzbasierte, strategische Entscheidungen zu setzen und nicht gleich jedem Trend zu folgen.

Die rasante Implementierung digitaler Tools ohne entsprechende pädagogische Begleitung oder ausreichende Lehrer*innenfortbildung führt in eine Sackgasse, wie die schwedische Kurskorrektur drastisch belegt. Norwegen zeigt uns hingegen, dass durch systemische Verankerung, Infrastrukturinvestitionen und einen starken Fokus auf Chancengerechtigkeit digitale Bildung gelingen kann. Für unsere Arbeit im Kompetenzzentrum MINT & Digitalität bedeutet dies: Wir müssen digitale Werkzeuge, auch im Bereich KI, stets ethisch reflektieren, didaktisch strukturieren und ihre Nutzung aktiv anleiten, um den Schüler*innen eine ganzheitliche Entwicklung zu ermöglichen.

Autor*innen: Christina Adorjan und Klaus Himpsl-Gutermann (Kompetenzzentrum MINT & Digitalität, PH Wien)

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