6. Mädchen* & Technik Netzwerktreffen

19. September 2026

Das 6. Mädchen* & Technik Netzwerktreffen brachte Fachexpertise aus Wissenschaft, Schule, außerschulischer MINT-Bildung und Bildungsinstitutionen am 11. September in der inspirierenden Nova Zone der GRAND GARAGE Linz zusammen.

Technik prägt unseren Alltag – häufig unbemerkt. Schulische Technikbildung muss diese Zusammenhänge erfahrbar machen und direkte Bezüge zur Lebenswelt der Kinder herstellen.

Mädchenförderung in MINT bedeutet nicht, Mädchen an unpassende Strukturen, an eine bestehende, historisch gewachsene „Technikwelt“  anzupassen. Technik, Lernräume und Berufsorientierung müssen so gestaltet werden, dass Mädchen* ganz selbstverständlich dazugehören und sich als Gestalterinnen erleben.

Dieser Prozess beginnt in der Volksschule mit alltagsnahen, sinnstiftenden Erfahrungen. Er setzt sich fort in einem erweiterten Technikverständnis, benötigt Lernräume mit positiver Fehlerkultur und lebt von Role Models sowie Zugehörigkeit statt Konkurrenz. Zudem müssen Eltern als zentrale Einflussfaktoren aktiv eingebunden werden.

Daraus ergibt sich eine durchgängige Wirkungskette:

Frühkindliche Erfahrungen → Selbstwirksamkeit → Zugehörigkeit → Technisches Selbst- und Fremdbild → Bildungs- und Berufsorientierung

Hier wirken stereotype Vorstellungen leider an vielen Stellen hinderlich – bei Kindern, Eltern, Pädagog*innen, Institutionen und letztlich auch in unserem Verständnis davon, was überhaupt als „Technik“ gilt.

Keynotes & Impulse

Bereits im Grundschulalter verfestigen sich Rollenbilder – Kristina Hauer (Technik und Design beginnt bereits in der Volksschule) zeigt, dass Mädchenförderung spätestens mit dem Schuleintritt Essentiell ist. Das Fach Technik und Design muss dabei auf Alltagsnähe, Sinnkontext, Kollaboration und eine angstfreie Fehlerkultur setzen – denn wer tüfteln und scheitern darf, entwickelt früh echte Selbstwirksamkeit. Dass dafür auch ein neues Verständnis des Fachs nötig ist, zeigte Roberta Erkinger (Technik und Design in der Sekundarstufe: Was verstehen wir eigentlich unter „Technik“?). Indem tradierte Material- und Verfahrensgrenzen aufgebrochen werden, verschiebt sich die Kernfrage weg vom vermeintlichen Defizit der Mädchen* hin zu einer offenen Definition von Technik, die Hürden und Ausschlüsse abbaut.

Ebenso wichtig ist der Blick auf das Umfeld und die prägenden Akteure: Magdalena Rölz (Wie denken Eltern MI(N)T?) wies anhand einer Studie der MINTality Stiftung nach, dass elterliche Stereotype die Förderung von Töchtern stark bremsen. Einmalige Informationen reichen nicht aus; Eltern müssen kontinuierlich als Partner*innen eingebunden werden. Die Rolle der Ausbildenden hob Marion Starzacher (Technik und Design in der Ausbildung: Welchen Beitrag leisten Ausbildende?) hervor: Die Haltung und Wirkkraft der Lehrenden sowie die enge Vernetzung aller Beteiligten entscheiden maßgeblich über den Lernerfolg.

Als gemeinsame Hürde über alle Altersstufen hinweg identifizierte Pia Čukić (Imposter-Phänomen in MINT) tief sitzende Selbstzweifel. Diese sind jedoch kein individuelles Versagen, sondern das Produkt struktureller Barrieren. Dem wirken offene Lernkulturen, Zugehörigkeit und sichtbare Vorbilder entgegen – Werte, die auch in außerschulischen Lernorten zentral sind. Wie das in der Praxis gelingt, veranschaulichte Maria Maurer (Das Technische Museum Wien als gendersensibler Erlebnis- und Lernort): Durch aktives Erfühlen und Gestalten wird der Leitsatz „Ich darf ausprobieren und Fehler machen“ greifbar.

Den Brückenschlag zur Arbeitswelt bildeten schließlich Martina Aicher & Martina Minihuber (MINT- & Technik-Angebote der Arbeiterkammern (AK Wien & AK OÖ)). Sie unterstrichen, dass eine wirksame Berufsorientierung professionelle Unterstützung von außen braucht – etwa durch das trägerübergreifende Praxishandbuch Technik.Design.Werken oder regionale AK-Initiativen, die Jugendliche gezielt bei ihrer Zukunftsentscheidung begleiten.

Die Mini-Workshops

Wie die methodischen Ansätze der Impulsvorträge konkret in die Praxis übersetzt werden können, zeigten die vielfältigen Mini-Workshops. Hier zog sich ebenso das gemeinsame Motiv durch: Technik wird greifbar, spielerisch und ohne Barrieren erfahren, um Neugier zu wecken und zum selbstständigen Gestalten anzuregen.

Ein zentraler Schwerpunkt lag auf dem tüftelnden, haptischen Zugang zu Mechanik und Materialien. Katrin Proprentner demonstrierte in ihrem Workshop Grundlegende Bewegungsmechanismen am Beispiel einer „magischen“ Karte, wie sich einfache mechanische Prinzipien anschaulich erforschen und im Selberbauen erfahren lassen.

Um das Spektrum vom Alltagsgegenstand bis zur Mikroskopie ging es bei Christina Adorjan (Haptische und optische Materialerfahrungen sammeln): Unterschiedliche Proben vom Mikrocontroller bis zum Seidengespinst regten Diskussionen über Rohstoffe, Nachdenken über Kreislaufwirtschaft an und mündeten im Detailbildrätsel für das Stereomikroskop.

Dass modernes Werken und handwerkliches Denken neu interpretiert werden müssen, unterstrichen zwei weitere Beiträge. Valerie Moschner stellte die Toolkits „Crafting Futures – Werken Out of the Box“ vor, die von Studierenden entwickelt wurden, um neue Zukünfte des Handwerks zugänglich zu machen und im Vermittlungsalltag Denkräume weit über das Konventionelle hinaus zu öffnen.

Den passenden fachdidaktischen Unterbau für die Primarstufe lieferten Bernhard Böhmer und Christian Groß mit der Präsentation und praktischen Erprobung von Beispielen aus der Publikation Technik in der Primarstufe. Anregungen für fächerübergreifende und problemlösungsorientierte Unterrichtsbeispiele im Gesamtunterricht der Volksschule (Erster Teil).

Wie ein motivierender Einstieg in digitale Technologien gelingt, zeigte Matthias Schoiswohl-Swajor mit dem Strohhalm-Microcontroller-Set. Durch die Kombination aus simplen Paper-Strohhalmen, Elektronik und dem Micro:bit konstruierten die Teilnehmenden Maschinen. Weil das System zunächst dynamisch-zufällig reagierte, entstand aus dem eigenständigen Bauen heraus ganz von selbst der Wunsch, verstehend in den Code einzugreifen.

Dass Gestaltung auch ganz ohne Worte funktioniert, veranschaulichte schließlich Marion Starzacher in der Einheit Lautlose Kommunikation mittels Chenilledrähten. Als barrierefreier Zugang zum Thema Baukultur zeigte das Format eindrucksvoll, wie mit einfachen Mitteln kreative Verständigung gelingt und flexible Lösungswege im gemeinsamen Tun entstehen.

Wir freuen uns schon auf den Tagungsband, der alle Präsentationen und Workshopthemen im Detail abbilden wird!

 

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